Rolfing®/Strukturelle Integration und Sport - zwischen Versprechen, Körpergefühl und Evidenz

Rolfing®/SI und Sport

Auf den ersten Blick scheinen Rolfing®/SI und Sport eine vielversprechende Verbindung zu sein. Wer seinen Körper besser wahrnehmen kann, mehr Leichtigkeit in jeder Bewegung spürt und schmerzfrei durchs Leben geht, sollte zwangsläufig auch in seiner Sportart bessere Leistungen erzielen? Recherchiert man in der Literatur, auf Websites oder Blog-Beiträgen zum Thema „Rolfing®/SI und Sport“ bemerkt man schnell, dass zahllose Vorteile sowohl für Leitungssportler als auch Hobbyathleten aufgezählt werden, diese jedoch bei genauerem Hinschauen vor allem auf Erfahrungswissen und anekdotischer Evidenz basieren. Das ist insofern schade, als das die Materie mit der wir als Rolfer® vorzugsweise arbeiten - Bindegewebe und Nervensystem - einen sehr differenzierten Blick auf die potenzielle Wirkungsweise unserer Behandlungen auf Athleten zulassen würde. Es stellt sich also die Frage: was kann Rolfing®/SI im sportlichen Kontext leisten?

Leistungssportler vs. Hobbyathleten

Arbeitet man mit Athleten sollte zunächst zwischen tatsächlichen Leistungssportlern und Hobbyathleten unterschieden werden. Gerade bei Leistungssportlern haben manuelle Interventionen in der Regel ihren spezifischen Platz innerhalb der jeweiligen Trainings- und Wettkampfphase. Jegliche Form von struktureller und/oder sensomotorischer Veränderung wird entsprechend den Sportart-spezifischen Anforderungen des Athleten gefiltert werden. Hier sollte mit besonderer Vorsicht und wenn möglich in Abstimmung mit dem Trainer-Team gearbeitet werden. Mit denjenigen, die Sport als Hobby, aus gesundheitlich-präventiven Gründen oder zum Wohle ihrer psychisch-emotionalen Gesundheit treiben, kann man hingegen umfassender und generalisierter arbeiten. Der jeweilige Bewegungskontext unterliegt weniger den strengen Anforderungen eines sportlichen Wettkampfes und  der Optimierung des Trainingszyklus, als viel mehr dem Erhalt und der Förderung von Gesundheit und allgemeiner Bewegungskompetenz. Beide Gruppen können aber von Rolfing®/SI profitieren.

Mechanische Besonderheiten der Faszie im Kontext des Sports

Wie eingangs erwähnt, sehe ich in der Verbindung zwischen Bindegewebe und Nervensystem - also den mechano-sensorischen Eigenschaften der Faszie und den neurologischen Elementen von Motorik - eine geeignete Möglichkeit, um mittels der Einsichten aus Anatomie, Biomechanik und Physiologie, die potenziellen Vorteile unserer Art der manuellen Arbeit für Sportler zu erklären.

Eine der grundlegenden mechanischen Eigenschaften faszialer Gewebsstrukturen (e.g. Muskel-Sehnen-Komplexe, Epi- und Perimysium, neuro-vaskuläre Bündel [NVB]) ist die Aufnahme, Zwischenspeicherung und Rückführung potenzieller elastischer Energie. Im Sportkontext spricht man in diesem Zusammenhang von Stiffness, welche die Fähigkeit eines Gewebes sich gegenüber Verformung bzw. Dehnung zu widersetzen, beschreibt. Je höher die Stiffness einer myofaszialen Einheit, umso effektiver kann diese die elastische Energie innerhalb des sogenannten Dehnungs-Verkürzungs-Zyklus (DVZ) speichern und wieder freisetzen. Eine der Hauptdeterminanten funktionaler Stiffness ist maximale isometrische Kraft. Sobald eine adäquate isometrische Kraft erzeugt werden kann, stellen sich einige mechanische Besonderheiten innerhalb eines myofaszialen Verbundes ein.

Zum einen werden die Gelenkwinkel der Zielbewegung stabilisiert, was wiederum dazu führt, dass die umliegenden faszialen Strukturen die potenzielle Gewebsdeformation besser kompensieren können. Dabei ist es interessant anzumerken, dass ~30% der erzeugten Kraft eines Muskels über epimysiale Wege auf benachbarte Muskeln oder nicht-muskuläre Strukturen wie NVB übertragen werden. Zum anderen führt eine adäquate muskuläre Kontraktion dazu, dass sich der Fiederungswinkel der Muskelfaszikel aufgrund der veränderten intrafaszialen Druckverhältnisse (Muskelgewebe besteht zu ~75% aus Wasser) verändert. Dadurch wird der angesprochene myofasziale Komplex zu einer Biotensegrity-Struktur, welche muskuläre Kraft nicht nur erzeugt, sondern auch deren Vektor modulieren und die Kraftmenge amplifizieren kann. Während die bewusste Bewegungsplanung und -ausführung unseres motorischen Nervensystems eine teils erhebliche Latenz aufweisen (bis zu 0.2 Sekunden), können Kräfte und Spannungen innerhalb des faszialen Systems nahezu unmittelbar weitergeleitet werden. Sportarten, die ein hohes Maß an Schnell-, Explosiv- und Reaktivkraft erfordern (e.g. Sprinten), profitieren dabei maßgeblich von diesen mechanischen Besonderheiten. Ähnliches gilt aber auch für Ausdauersportarten, deren Belastungsnormative weniger über die Intensität der Last definiert sind, als vielmehr durch Dauer und Umfang der Belastung. Eine effiziente fasziale Kraftaufnahme und elastische Rückfederung können dazu beitragen Bewegungsökonomie und Ermüdungsresistenz positiv zu beeinflussen. Und entgegen der landläufigen Meinung, profitieren eben deshalb auch Ausdauersportler signifikant von einem angepassten Krafttraining. Mit diesem Hintergrundwissen gilt es folglich den Modus Operandi des Rolfer®’s neu zu denken bzw. anzupassen.   

Manuelle Methodik und Möglichkeiten des Einflusses

Es stellt sich nun die Frage, inwiefern wir als Rolfer® einen intelligenten Reiz zur Förderung der sportlichen Leistung unserer Klienten setzen können. Inwieweit können wir die mechanischen Eigenschaften der Faszie positiv beeinflussen? Wiederum liefern uns die Erkenntnisse aus der Anatomie und Physiologie der Faszie wertvolle Einsichten.

Wie die meisten von uns wissen, unterliegt Bindegewebe einem kontinuierlichen, scheinbar langsamen Remodeling-Prozess. Je nach Gewebsart, Kollagentyp, Alter, Stoffwechsel und mechanischer Belastung erneuert sich Bindegewebe über Monate bis Jahre. Doch wie eben beschrieben, ist Bindegewebe in der Lage mechanische Kräfte kurzfristig und ohne größere Verzögerung zu verarbeiten. Diese Unmittelbarkeit zeigt sich sowohl auf einer mechanischen, aber auch auf einer neurologischen, metabolischen und sogar zellulären Ebene. Die ausgewiesene Mechanosensibilität des Bindegewebes und seiner zellulären Komponenten stellt meiner Ansicht nach eine der hauptsächlichen somatischen Grundlagen bezüglich der Wirkungsweise unserer Arbeit dar.

Die verschiedenen Wirkungsweisen manueller Reizsetzung

Je nach Art, Dauer und Intensität eines mechanischen Reizes reagieren Fibroblasten mit der Ausschüttung verschiedenster Substanzen. Darunter fallen beispielsweise pro-/anti-inflammatorische Zytokine, Chemokine, Adhäsionsmoleküle und eine große Vielzahl von Proteinen der Extrazellulärmatrix (EZM). Eines der bekanntesten Moleküle der EZM ist das Glykosaminoglycan Hyaluronsäure (HA). Dank ihres ausgewiesenen hydrophilen Charakters bindet HA große Mengen Wasser und trägt so zur Viskoelastizität und Gleitfähigkeit des Bindegewebes bei. Wiederholte Scher- und Dehnkräfte modulieren die Aktivität der HA-Synthasen in Fibroblasten.   

Eine weitere interessante Reaktion auf mechanische Kräfte ist die Ausschüttung des Botenstoffes Interleukin-6 (IL-6). Fibroblasten sezernieren dieses Zytokin oft als initiale Reaktion auf eine Gewebsverletzung, Gewebsdeformation oder sonstige Veränderung ihrer Umgebung. Neben seinen unzähligen Effekten auf pro-/anti-inflammatorische Prozesse, Glukose- und Fettstoffstoffwechsel, trägt IL-6 zu einer Modulation sowohl anaboler bzw. regenerativer als auch kataboler Vorgänge im Kollagenstoffwechsel bei. Im Zusammenhang mit Trainingsadaptation wirkt IL-6 beispielsweise als sogenanntes Myokin und kann unter den richtigen metabolischen Voraussetzungen hypertrophe Signalwege aktivieren.   

Zuletzt sei noch die Wirkung auf unser Nervensystem genannt. Dank der reichen Innervation faszialer Gewebe mit verschiedensten Mechanorezeptoren können manuelle mechanische Reize dadurch die autonome Tonusregulation beeinflussen. So kann ein manueller Stimulus über α-γ-Koaktivierung die Muskelspindelsensitivität und in der Folge den Muskeltonus modulieren. Freie afferente Nervenendigungen, von denen Bindegewebe stark durchzogen ist, können unter dem Einfluss einer andauernden mechanischen Belastung und der folglichen Entzündungsreaktion selbst Neuropeptide (e.g. Calcitonin) sezernieren, die vasodilatativ wirken und die Nozizeption hemmen. Und auch der allseits beliebte Nervus Vagus trägt, vor allem über neuroendokrine Wege zu einer Anpassung des myofaszialen Tonus bei.

Kurz, die Wirkmechanismen sind vielfältig und ein manueller mechanischer Reiz kann auf vielen verschiedenen Ebenen gleichzeitig wirken.

Konkrete Behandlungsansätze für Athleten      

Stellt sich ein Athlet in unserer Praxis nun mit einem akuten Problem vor, gilt es zwischen kurz- und langfristigen Interventionsmöglichkeiten zu unterscheiden. Für einen Leistungssportler oder auch leistungsorientierten Athleten wird aller Voraussicht nach die unmittelbare Lösung seines Problems an erster Stelle stehen.

A.) Akute Maßnahmen

Ein konkreter Ansatz wäre dabei die Arbeit an intermuskulären Septen. Diese bindegewebigen Faserschichten separieren größere Muskelgruppen voneinander, dienen aber auch gleichzeitig als Ansatzstelle für epimysiale Fasern, als Leitstrukturen für NVB sowie Schnittstelle für mechanische Kräfte. Dank dieser umfassenden Eigenschaften, eignen sich intermuskuläre Septen perfekt als Einstieg um über eine einzelne Struktur die mechanischen Verhältnisse in einem relativ großen Gewebsfeld zu modulieren. Aufgrund der engen Beziehung zu NVB hat man dadurch einen indirekten Einfluss auf den metabolischen Ver- und Entsorgungszustand der damit verbundenen Gewebe, sowie deren nervale Versorgung. Die Mobilisation von NVB kann damit einhergehen.

Weiter gilt es Areale faszialer Verhärtungen in den betroffenen myofaszialen Strukturen ausfindig zu machen. Fasziale Adhäsionen können als quasi mechanosensorische „Störfelder“ Wahrnehmung und Zielmotorik in der Peripherie kompromittieren. Eine verminderte Gleitfähigkeit zwischen Muskeln oder wirkliche intramuskuläre Adhäsionen zwischen peri- und endomysialen Schichten werden Aufnahme und Rückführung elastischer Energie verändern, und entsprechend wird sich unsere Bewegungsplanung und -ausführung (Motorik) anpassen. Da Fibroblasten auf wiederholte Dehn- und Scherkräfte mit einer erhöhten HA-Synthase Aktivität und folglichen HA-Sekretion reagieren, können wir als Rolfer® diesen allseits bekannten „Schwammeffekt“ zur De- und Rehydrierung des betroffenen Areals nutzen um die Gleitfähigkeit zumindest kurzfristig wiederherstellen.

Soviel zu zwei akuten faszialen Behandlungsansätzen. Prinzipiell gilt es immer zuerst eine saubere Anamnese und Diagnostik zu machen. Die nachfolgende Behandlung wird dann entsprechend angepasst. Je nach Beschwerdebild, ist es das Können des Rolfer®s inwieweit sich ein Behandlungserfolg einstellt. Deshalb kann es auch irgendwann sinnvoll sein sich über viszerale, arthrokinematische und neuroimmunologische Zusammenhänge Gedanken zu machen.

B.) Langfristige Behandlungsideen

Befindet sich ein Athlet in der Wettkampfpause, zwischen zwei Makrozyklen oder betreibt seinen Sport als Hobby, bietet sich die Eröffnung eines längeren Behandlungsprozesses an. Dabei kann im Besonderen auf etwaige sensomotorische Auffälligkeiten der Zielmotorik des Athleten eingegangen werden. Es gilt also herauszufinden, wo und welchem Ausmaß Kraftaufnahme, elastische Zwischenspeicherung und Kraftentwicklung innerhalb einer Bewegungskette kompromittiert sein könnten und inwieweit das Wahrnehmungs- respektive Koordinationsvermögen des Athleten dabei eine Rolle spielen. Entscheidend ist in diesem Zusammenhang also das Sportart-spezifische Bewegungsprofil des Athleten, der sensomotorische Kontext der jeweiligen Sportart, aber auch allgemeine Grundkraftfähigkeiten und Bewegungsmuster.

Die Basis unserer Arbeit als Rolfer® stellt dabei die manuelle Wiederherstellung einer ökonomischen faszialen Gewebsspannung, der inter- und intramuskulären Gleitfähigkeit sowie die Integration der sensorischen Eindrücke in Haltung und Bewegung dar. Myofasziale sowie neuromuskuläre Adaptationsprozesse (e.g. Hypertrophie, Rekrutierung, Entladungsfrequenz) benötigen in erster Instanz einen adäquaten (mechanischen) Trainingsreiz. Dabei sollte die etwaige mechanische Krafteinwirkung möglichst effektiv angenommen und verarbeitet werden können. Ist die Muskulatur aufgrund faszialer Adhäsionen oder fehlender Mobilität nicht in der Lage der Krafteinwirkung aktiv zu widerstehen, wird die Struktur selbst oder umliegende Strukturen kompensieren müssen. Aus meiner eigenen Erfahrung lohnt es sich in diesem Zusammenhang die hochzervikalen Gelenke genauer anzuschauen. Eines der tiefsten Bedürfnisse unseres aufrechten Menschseins ist die Stabilisierung des Blickes - des Horizonts (Stichwort Frankfurther Linie). Ein weiterer wichtiger Aspekt sind die sogenannten Grundkraftfähigkeiten. Im Falle eines unauffälligen Gelenkspiels, einer gleichmäßigen Spannungsverteilung in den verschiedenen myofaszialen Komplexen und einer ausreichenden Mobilität kann (neben unzähligen weiteren Gründen) ein Krafttraining indiziert sein. Wie eingangs dargelegt wurde, hängt funktionale Stiffness maßgeblich von isometrischen Kraftfähigkeiten ab. Aus sportwissenschaftlicher Sicht kann in diesem Kontext ein ergänzendes plyometrisches bzw. ballistisches Training empfohlen werden.

In zweiter Instanz können wir als Rolfer® einen wichtigen Beitrag zum Erhalt und der Verbesserung gefühlter Bewegungssteuerung leisten. Sobald das myofasziale Gefüge des Bewegungsapparates und das sensomotorische Nervensystem in der Lage sind auf einwirkende Kräfte adäquat zu reagieren, gilt es diese Fähigkeit in den spezifischen Bewegungskontext meines Athleten zu überführen. Aus trainingswissenschaftlicher Sicht sind Technikerwerbs- und abschirmungstraining geeignete Maßnahmen Sportart-spezifische Bewegungsmuster zu erlernen. Im Kontext einer Rolfing®-Behandlung besteht darüber hinaus die Möglichkeit jene Bewegungsmuster aufzubrechen, zu differenzieren und deren sensomotorischen Gehalt zu erforschen. In der geführten Eigenwahrnehmung wird der Athlet lernen, die für ihn/sie passende Gelenkstellung und Körperposition im Raum einzunehmen um die Zielbewegung möglichst effektiv auszuführen. Aus der Bewegungslehre kennt man diese Art der motorischen Steuerung unter dem Begriff Knowledge of Result. Der Athlet fühlt sich quasi in den Endzustand seiner Zielbewegung ein und konditioniert sein Nervensystem damit vor der eigentlichen Bewegungsausführung.

Schlussworte

In diesem Beitrag wurde nur ein kleiner Ausschnitt möglicher Wirkmechanismen struktureller Arbeit im Sportkontext beschrieben. Aufgrund der geringen Datenlage können wir als Rolfer® nur bedingt auf klinische Evidenzen zurückgreifen. Als ein überzeugter Vertreter manueller Medizin glaube ich aber, dass dieser Umstand kein zwangsläufiger Nachteil sein muss. Menschliche Beziehung und Erfahrung lässt sich nicht mittels Zahlen abstrahieren. Was wir tun können, ist uns mit den grundlegenden Erkenntnissen aus Anatomie, Physiologie, Biomechanik und Neuroimmunologie Vertraut zu machen um uns darüber die Möglichkeit zu eröffnen bekannte manualtherapeutische Phänomene aus unserer Praxis aus einer neuen biologischen Perspektive zu betrachten.

Auch wurde von einer umfassenderen Stellungnahme bezüglich Kraft- und Athletiktraining abgesehen. Das Wissen um die unzähligen gesundheitlichen Benefits regelmäßigen körperlichen Trainings wird von Jahr zu Jahr umfangreicher. So ist Krafttraining mittlerweile ein fester Bestandteil der Behandlungsprotokolle vieler sogenannter integrativer Mediziner und Ärzte. Nachdem ich auch Rolfing® als eine komplementär-medizinische Methodik auffassen würde, dürfen wir mutig sein die Wirkungsweise unserer Arbeit im Kontext des Sportes aktiv zu vertreten.

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Entzündungsprozesse im Kontext manueller Interventionen: Anregungen für eine neue Art unsere Arbeit zu denken